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Ja, ich bin ein guter Mensch


Ich bin ein guter Mensch. Ich rauche nicht und trinke abends ein Viertel Rotwein. Nicht mehr. Denn ein Viertel ist gut fürs Herz. Ich fahre Fahrrad mit Helm, lasse meine Maulwürfe herumtoben und fälle die Birke nicht, deren Laub und Zäpfchen täglich meine Fallrohre und Dachrinnen verstopfen. Obwohl ich sie fällen dürfte. Mein Auto braucht nur 3,5 Liter. Doch meist fahre ich Bus. Letztes Jahr war ich mit Meike in New York, mit dem Bananendampfer-Sie wissen schon, wegen des Kerosins. Ich bremse für Alligatoren, Kröten und Kartoffelkäfer. Und unseren geplanten Anbau haben wir uns verkniffen, weil eine kleine Buche hätte weichen müssen, in der eine Elster nistet, Ja, ich bin ein guter Mensch.

Verlangt jemand im Supermarkt an der Ladenkasse eine Plastiktüte, so protestiere ich laut hörbar mit einem "Thhhh". Ich selbst bringe ja auch sonntags beim Brötchenkaufen die gefaltete Papiertüte vom letzten Sonntag mit. Meine abschätzigen Blicke gelten Autofahrern mit schweren Geländewagen an den Tankstellen. Da bin ich sehr mutig. Und natürlich klebt in meiner Firma auf meiner Bürotüre ein Aufkleber "Farbe bekennen - gegen rechts"! Das ist mir sehr wichtig, auch wenn es hier in Grebelshausen keine Rechten gibt. Hauptsache: Mutig Farbe bekennen. Meine Gesundheit nehme ich sehr ernst, schon alleine wegen der Solidarität mit der Gesellschaft. Leute, die nicht joggen, und Raucher sind Egoisten, eigentlich Parasiten, denn die werden früher krank.

Und dann die Entsorgung. Nicht nur privat, auch in der Firma bin ich ein guter Mensch. Hier trennen wir unseren Büromüll in drei Tonnen, gelbe Säcke sowie jeweils in Behälter für Glas, Papier, Gift- und Sondermüll. Und jeder im Büro ist angehalten darauf zu achten, dass unser Bürokaffee aus Ländern der Dritten Welt kommt. Und auch sonst werfe ich gerne unverhohlene Blicke auf die kleinen "Pausensnacks", die Obstwahl (von wo kommen die), die Verpackungen, auf Produkte aus Ländern mit Kinderarbeit oder ob auch jeder nach Mittag seinen Joghurtbecher spült. Ja, ich glaube, ich bin ein guter Mensch.

Ich engagiere mich. Ich spende für Greenpeace und Attac. Ich gehöre der örtlichen Bürgerinitiative "Ghana darf nicht sterben" an. Wirtreffen uns zweimal jährlich und überlegen, was man tun könnte. In Ghana war noch keiner von uns, wegen des Kerosins. Aber unsere Arbeit geht weiter. Ghana wird leben. Auch gehöre ich selbstverständlich der örtlichen Bürgerinitiative an "Die Schöpfung zuerst". Da sollte ein kleines Gewerbegebiet direkt an unserem Ort entstehen. Klar, bei 18 % Arbeitslosigkeit eigentlich eine gute Sache. Aber man muss Prioritäten setzen. Und auf dem Grundstück, auf dem das entstehen soll, da leben seit Generationen schon Feldhamster. Die sind schon älter als die Idee mit dem Gewerbegebiet.

Ja, ich bin ein guter Mensch. Auch wenn mir niemand so recht sagen kann, was "gut" bedeutet. Auch irritiert mich, dass das Attribut "gut" sich so oft wandelt. Was ist gut? Anständig? Lieb? Dass man nur Dinge macht, die nicht "schlimm" sind? Ja, ich denke, es geht um "schlimm" oder "nicht schlimm". Zu den Grundbegriffen, die Handlungen moralisch bewerten, gehörten früher mal "gut" und "böse". Wir aber haben unsere eigenen moralischen Kategorien entwickelt. Das populärste Attribut heißt "schlimm". Es ist zwar ein glitschiges Adjektiv, das aus dem Mund flutscht und eigentlich nichts besagt. Es ist die typische moralische Bewertung der Spaß-Gesellschaft, die dem Relativismus frönt und sich vor Verbindlichkeit ekelt. Die Redewendung "Ach, das ist doch nicht so schlimm" verrät großzügiges Toleranzgehabe und verharmlost zumeist Falsches, Schlechtes oder Böses. Wer eine Handlung oder ein Ereignis trotz der öffentlichen Bewertung "ist doch nicht so schlimm" ablehnt oder gar verurteilt, gerät in den Geruch, Moralapostel zu sein, der polarisiert, der "immer was hat".

"Ist doch nicht so schlimm", wenn das Fernsehen im Nachmittagsprogramm Themen rund urn Lust und Sex bringt - auch die Kinder sind doch heute weiter. "Ist doch nicht so schlimm" wenn auf staatlich subventionierten Bühnen der christliche Glaube verunglimpft wird - ist doch Kunst. "Ist doch nicht so schlimm", wenn Stefan Raab hilflose Menschen veräppelt - ist doch irgendwie lustig. "Ist doch nicht gar so schlimm", wenn diese Frau ihr Kind abgetrieben hat - sie hat doch schon zwei.

"Schlimm" ist es, wenn man jemandem wehtut, wenn niemand sich gegen die Hühner-Legebatterien engagiert, wenn die Arbeitslosigkeit weiter steigt. Mag ja sein, dass dies "schlimm" wäre. Aus diesem Grunde aber die Negation von "schlimm" als Legitimierung zu verstehen, das ist wahrlich "schlimm". Wann und warum aber eine Handlung richtig oder falsch, gut oder schlecht ist, ob ein Zweck die Mittel heiligen darf oder ob der Mensch stets seinem Gewissen folgen soll- all dies interessiert kaum jemanden. Wäre wohl auch zu viel verlangt, sich mit solchen Fragen beschäftigen zu sollen, nachdenken, nachlesen, subsumieren zu müssen. Und ist auch nicht nötig, denn mit "ist doch nicht so schlimm" fahren wir doch ganz gut. Zudem klingt es irgendwie toleranter, weniger rechthaberisch als richtig, falsch, gut oder böse.

"Die Macht der Dummheit" ist halt gewaltig, wie der französische Philosoph Andre Glucksmann diagnostiziert. Hauptsache, wir sind gesund und tun niemandem weh. Das Moralische versteht sich doch von selbst, wie man so sagt...
Also, unter diesen Prämissen bin ich ein guter Mensch. Und doch zweifle ich bisweilen: Bin ich wirklich ein guter Mensch? Was ist, wenn ich nicht immer das meine oder denke oder gar sage, was die anderen guten Menschen sagen. "Ist doch nicht schlimm", denn für Gutmenschen sind doch Pluralismus und Toleranz höchste Tugenden. Also, doch eigentlich kein Problem? Vielleicht aber doch: Das Grundgesetz garantiert uns Bürgern das Recht auf freie Meinungsäußerung. Wir dürfen nicht nur eine eigene Privatmeinung "haben", wir dürfen sie auch publizieren und für sie auf öffentlichen Plätzen demonstrieren. Es gibt keine geheime Staatspolizei wie in anderen Ländern, die das verhindert. Trotzdem schweben so manche Sprachkeulen bedrohlich über unseren Gedanken und Zungen. Sie sind nicht eindeutig definiert, doch wie ein unsichtbarer Codex ständig präsent. Sie ordnen die Bürger moralisch und politisch in "Gut-" und "Schlechtmenschen" und verbieten jenen, die weder mit dämlichen Glatzen noch autonomen Chaoten etwas im Sinn haben, höflich den Mund. Wen sie einmal mit Wucht und Vorsatz getroffen haben, den erkennt man - an einer der Plaketten.
Es gibt so manche dieser Keulen an den Gürteln der Krieger für die "gute Sache". Zu ihnen greifen darf jeder, der für sich beansprucht, ein TÜV-geprüfter Demokrat oder Christ zu sein; einer Begründung bedarf es nicht. Drei sind besonders schlagkräftig: Fundamentalist, Populist und Nationalist (Steigerung: Faschist)! Diese Keulen schlagen brutal den Grenzstrich: hier endet der Pluralismus. Im Interesse von ..., ja von wem? Dem Volke?

Wer mit klaren Worten Missstände benennt, Wahrheiten formuliert, von denen auch viele oder gar die meisten Mitbürger überzeugt sind, Wahrheiten, die aber nicht im Sinne der "political correctness" sind, der ist ein "Populist", der betreibt "Populismus" im schlimmsten Fall "schieren Populismus" Und das ist ganz, ganz böse. Populisten bedienen sich in der Regel unreflektierter sogenannter Stammtischparolen (Was ist das eigentlich? Wo sollen Bürger sich austauschen, wenn nicht gerade dort, wo sie privat zusammenkommen?). Solchen populistischen Parolen (deren sich übrigens nur sogenannte Konservative ex natura sua bedienen können) stehen bedeutungsschwere, moralisch lange abgewogene, besonnene oder betroffen stimmende Äußerungen entgegen, die in der Regel "ein Stück weit Sorge" dokumentieren.

Und schließlich: Wer von dem Slogan "Alle Rassisten sind Arschlöcher" überzeugt ist, europäisch denkt, Ausländer mit großer Selbstverständlichkeit integrieren möchte, als Elternteil aber seinen Unmut darüber äußert, dass seine Kinder in Schule, Viertel oder Kindergarten zu Fremden werden, der sollte doch sein Gewissen einmal auf "nationalistisches Gedankengut" hin überprüfen. Und wenn ein Politiker gar seine erste, und bei Weitem nicht einzige Verantwortung im Dienst an seinem Land, an seinen Landsleuten sieht, ja der muss einfach "Faschist" sein.

Was denn nun? Wie ist das nun mit richtig und falsch, gut und böse, schlimm und nicht schlimm? Alles schwimmt und schwabbelt. Was ist nun mit Freiheit und Toleranz? Was sind die Zehn Gebote? Umwelt, Gesundheit, Schönheit, Kohle...
Ein anderes Beispiel: In Berlin terrorisieren militante Umweltschützer vor allem die Fahrer großer SUV. 80 Autos wurden allein im vergangenen Jahr schon in Brand gesetzt. Bei 90 anderen Wagen ließen Umwelt-Chaoten nachts die Luft aus allen Reifen. Unter die Scheibenwischer klemmten sie anschließend Flugblätter: "Mit einem großen Monsterwagen durch die Gegend zu fahren, muss man entweder dumm oder böse nennen." Zur selben Zeit vergleicht ein Grünen-Sprecher die Geländewagen-Besitzer mit "Leuten, die ihren Giftmüll in den Wald kippen".

Wer ist denn nun gut und wer böse? Die, die Monsterwagen fahren oder die, die sie beschädigen? Schwierig. Nein, eigentlich nicht. Wenn die Koordinaten klar sind, die Hierarchien und Werte, Moral und Ethik, Sinn des Lebens und Unsinn, Substanz und Akzidenzien definieren. Diese Koordinaten, sie gibt es! In der Theologie, der Moraltheologie. Sie klärt auf über Sinn des Lebens, über die Hierarchie der Werte. Und über eines der gewaltigsten Tabus: den persönlichen, nicht den abstrakten Tod. Der unausweichlich kommt.
"Ist doch nicht so schlimm?" Die Menschen werden systematisch betrogen, vollgeplärrt mit Ersatzreligionen und synthetischem Moralismus, der in der Immanenz verharrt. Die Ministerien für Gesundheit und Umwelt gelten als heilsbringende Kirchen. Die drei Grundfragen der Gnosis "Woher komme ich, wohin gehe ich, wer bin ich?" werden bewusst übertönt von iPod und täglichen Soaps, Ratespielen und Shows, Empörungsspiralen und Betroffenheitsritualen. Bloß keine Stille, bloß keine Ruhe für sich, für Fragen nach Sinn und Tod, für Gebet und Einkehr. Nein, weiterhetzen, beschallen und zulallen - und betrügen lassen.

Bin ich ein guter Mensch? Das entscheidet weder Kröte noch gelber Sack. Sondern Gott. Nach dem Tod eines jeden Menschen. Das Leben ist kein Spiel, keine Show und keine Soap. Denn nach dem Tod ist man tot. Diese "Wahrheit" wird uns verheimlicht. "Ist doch nicht so schlimm?" Das muss jeder für sich entscheiden. Übrigens: Man kann sich um ein Leben bemühen, das dem Tod den Stachel zu nehmen vermag.



Autor: Garsten Ostrowski, Quelle: Komma Magazin, August 2013


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